Selbstregulation, Co-Regulation & Fremdregulation
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Woher kommt die Ruhe des Pferdes?
 

Ruhe und Entspannung bedeuten nicht automatisch Regulation

Wenn ein Pferd im Alltag oder im Training sich ruhig, kooperativ und unkompliziert verhält, freuen wir uns meist über diese gute Zusammenarbeit. Wir lesen die Ruhe und Mitarbeit als Zeichen von Vertrauen, einer gelungenen Beziehung und feiner Kommunikation. Manchmal zeigt sich dabei ein Pferd, das aufmerksam und ansprechbar ist. Manchmal wirkt es dagegen auffallend gleichgültig, wenig interessiert oder kaum noch berührt von dem, was um es herum geschieht.

Aus meiner Perspektive lohnt es sich deshalb, eine grundlegende Frage zu stellen:

Wo entsteht die Regulation eines Zustands eigentlich?

Entsteht sie im System des Pferdes selbst? Entsteht sie in einer gesunden Wechselwirkung zwischen Mensch und Pferd? Oder ist eine sichtbare Ruhe und Stabilität vor allem an bestimmte Bedingungen, Abläufe oder die Anwesenheit eines (bestimmten) Menschen gekoppelt?

Diese Unterscheidung ist nicht nur theoretisch wichtig. Sie verändert unseren Blick darauf, was wir unter einem „ruhigen“ und „regulierten“ Pferd verstehen.

Der biologische Zusammenhang: Sicherheit ermöglicht Ruhe, nicht umgekehrt

Eine verbreitete Vorstellung in der Pferdearbeit lautet, dass ein Pferd zunächst zur Ruhe gebracht werden müsse, damit es sich sicher fühlen und Vertrauen entwickeln kann. Dazu werden teilweise bewusst Aktivierung, Reizkonfrontation oder Druck eingesetzt und anschließend Entlastung, Pause oder Belohnung angeboten. Dahinter steht die Annahme, dass das Pferd durch das wiederholte Erleben von Anspannung oder Überwindung und anschließender Erleichterung lernen soll, mit Belastung besser umzugehen, in schwierigen Situationen stabiler zu werden und sich immer besser zu regulieren. Dabei gilt zusätzlich: „Je größer die Differenz zwischen Anspannung und Entspannung, desto größer der Lerneffekt und die Effizienz“.

Hier lohnt sich ein anderes Hinschauen und ein grundlegendes Verständnis:

Sichtbare Ruhe ist nicht automatisch ein Beweis dafür, dass Sicherheit entstanden ist.

Ein Nervensystem kann seine Aktivierung auf unterschiedliche Weise reduzieren. Es kann sich tatsächlich regulieren und einen flexiblen, ruhigen und sicheren Zustand finden. Es kann aber auch durch Erschöpfung, Verhaltenshemmung, Rückzug oder andere Schutzmechanismen weniger auffällig und sichtbar ruhiger reagieren. Deshalb sollte nicht die Frage im Vordergrund stehen:

„Wie wird das Pferd immer ruhiger?“

Sondern vielmehr:

„Wie entsteht diese Ruhe – und was kann das Pferd aus diesem Zustand heraus noch tun?“

Ein Pferd, das sich sicher fühlt, muss nicht zwangsläufig völlig ruhig und still sein. Es darf neugierig sein, sich erschrecken, Distanz suchen, Kontakt aufnehmen, sich bewegen und seine Meinung verändern. Regulation zeigt sich nicht in maximaler Ruhe, sondern in Flexibilität und der Fähigkeit, zwischen unterschiedlichen Zuständen wechseln zu können und immer wieder in die Entspannung zurückzufinden.

Drei Ebenen der Regulation

Um diese Prozesse besser voneinander unterscheiden zu können, lassen sich drei grundlegende Formen der Regulation beschreiben. Sie sind keine starren Kategorien und können sich im Alltag überschneiden. Sie ermöglichen jedoch unterschiedliche Blickwinkel darauf, woher „Ruhe“, Stabilität und sichtbare Zustandsveränderungen kommen:

✦  Selbstregulation: Selbstregulation beschreibt die Fähigkeit eines Individuums, eigene Aktivierung wahrzunehmen und innerhalb seiner Möglichkeiten zu beeinflussen. Dazu gehört, zwischen unterschiedlichen Zuständen wechseln und nach einer Aktivierung wieder in einen tragfähigen, regulierten Zustand zurückfinden zu können. Beim Pferd zeigt sich diese Fähigkeit nicht darin, dass es niemals erschrickt oder aufgeregt wird oder Umweltreize an Bedeutung verlieren. Im Gegenteil: Ein selbstregulationsfähiges Pferd darf reagieren und reagiert auch. Entscheidend ist, ob es anschließend wieder Orientierung findet, eigene Handlungsmöglichkeiten besitzt und in einen Zustand zurückkehren kann, in dem Lernen, soziale Verbindung und Neugier wieder möglich sind.

Regulation bedeutet nicht Reaktionslosigkeit oder dauerhafte Entspannung, sondern die Flexibilität, zwischen Aktivierung und Erholung zu wechseln.


✦  Co-Regulation: Co-Regulation beschreibt die Regulation innerhalb einer sozialen Beziehung. Lebewesen beeinflussen sich gegenseitig über Anwesenheit, Körpersprache, Verhalten, Stimme, Berührung und weitere soziale Signale und Verbindungen. Ein ruhiger und verlässlicher Sozialpartner kann dabei Orientierung und Sicherheit unterstützen. Co-Regulation in der Pferdearbeit bedeutet für mich deshalb nicht, dass der Mensch eine Rolle einnimmt, in der er einen bestimmten Zustand beim Pferd „herstellt“ oder aktiv beeinflusst. Vielmehr sollte es darum gehen, Bedingungen zu schaffen, unter denen Sicherheit entstehen und sich Regulation entwickeln kann. Dafür braucht es allem voran auch einen Menschen, der seinen eigenen Zustand wahrnehmen und regulieren kann. Der Mensch ist aus meiner Sicht nicht der Zustandsregler des Pferdes und sollte es auch nicht sein. Er wird Teil eines sozialen Raums, in dem regulierende Erfahrungen möglich werden können.


✦  Fremdregulation: Von Fremdregulation sprechen wir dann, wenn ein äußerer Akteur den Zustand des Pferdes maßgeblich über Steuerung beeinflusst. Das kann beispielsweise bedeuten, dass der Mensch entscheidet, wann Aktivierung entstehen soll, wann ein Verhalten beendet wird, wann Druck nachlässt oder wann eine Belohnung erfolgt. Das ist nicht grundsätzlich dasselbe wie offensichtliche Gewalteinwirkung oder Druckausübung. Menschen beeinflussen Pferde ununterbrochen – schon allein durch ihre Anwesenheit und ihre Handlungen. Die entscheidende Frage ist nicht: „Beeinflusse ich mein Pferd?“ Sondern: „Wie abhängig wird der Zustand meines Pferdes von meiner Steuerung?“ Wenn ein Pferd zunehmend nur dann zur Ruhe findet, wenn ein Mensch bestimmte Signale gibt, Abläufe kontrolliert oder Situationen steuert bzw. beendet, lohnt sich ein genauerer Blick.

Die unsichtbare Dynamik: Wenn Erleichterung mit Vertrauen verwechselt wird

Ein wichtiger Unterschied liegt zwischen Sicherheit und Erleichterung. Erleichterung kann entstehen, wenn eine unangenehme oder belastende Situation endet. Das ist zunächst eine normale körperliche und psychische Reaktion. Wenn beispielsweise eine Anforderung beendet wird, kann das Pferd sichtbar entspannter und ruhiger werden, tiefer atmen, kauen, schnauben oder den Kopf senken. Diese Reaktionen gehen meist mit einer Zustandsveränderung einher. Sie beweisen für sich allein jedoch nicht, warum diese Veränderung eingetreten ist und welcher innerer Prozess ihr zugrunde liegt.

Es macht einen Unterschied, ob ein Pferd ruhig wird und Anspannung abfällt, weil es sich zunehmend sicher fühlt – oder ob es ruhig wird und Anspannung abfällt, weil eine belastende Situation endlich vorbei ist oder zumindest eine Pause eingelegt wird.

Nicht zuletzt aus der Lernpsychologie wissen wir, dass Konsequenzen Verhalten beeinflussen können. Wenn auf eine bestimmte Reaktion oder in bestimmten Wechseln zuverlässig oder unvorhersehbar Entlastung folgt, kann sich die Wahrscheinlichkeit verändern, dass das Pferd ein jeweiliges Verhalten erneut zeigen wird. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Pferd positiv gelernt hat oder gar Vertrauen, Bindung oder Selbstregulation entwickelt – eine Verhaltensänderung kann auch nur eine rein funktionale Orientierung an der Quelle für Zustandsveränderung sein.

Deshalb ist für mich eine zentrale Frage in der Pferdearbeit:
 Wird das Pferd mit der Zeit unabhängiger und handlungsfähiger – oder wird es immer stärker davon abhängig, dass der Mensch seinen Zustand steuert und seinen Stress minimiert?

Der Unterschied in der Praxis: Lebendigkeit statt funktionaler Ruhe

Pferde können sich extrem gut an wiederkehrende Situationen und Gegebenheiten anpassen – und sich auch an Dinge gewöhnen, die ihnen langfristig nicht gut tun. Anpassung allein sagt uns nicht, ob etwas für das Pferd tatsächlich sicher und positiv geworden ist. Zwei Pferde können äußerlich ähnlich ruhig und stabil wirken und sich dabei in ihrem inneren Zustand vollkommen unterscheiden.

✦  Ein flexibel reguliertes Nervensystem: Ein gesund reguliertes Pferd kann auf seine Umwelt reagieren. Es darf aufmerksam sein, sich erschrecken, Abstand suchen oder Spannung entwickeln. Gleichzeitig kann es wieder Orientierung finden und in einen ausgeglichenen Zustand zurückkehren. Persönlichkeit und Charakter des Pferdes bleiben sichtbar. Es kann neugierig sein, Initiative zeigen, Kontakt aufnehmen, sich entziehen, Grenzen setzen und seine Meinung verändern. Stabilität zeigt sich nicht in möglichst wenig Reaktion, sondern in möglichst viel Flexibilität innerhalb von Sicherheit.
 

✦  Ein Nervensystem in Co-Regulation: In einem co-regulierten Zustand kann die Anwesenheit eines sicheren Sozialpartners (Artgenosse oder Mensch) dem Pferd helfen, Orientierung, Sicherheit und Beruhigung zu finden. Das Pferd muss dabei nicht ständig etwas leisten. Es darf sich „anlehnen“, Abstand halten, beobachten, Kontakt suchen und sich wieder entfernen. Co-Regulation ist deshalb für mich kein Trainingsziel im Sinne eines bestimmten Verhaltens. Sie ist vielmehr ein Teil der Beziehungsgestaltung, in dem beide Seiten dazu beitragen, dass ein sicherer Rahmen und ein Miteinander auf Augenhöhe entstehen kann.


✦  Ein fremdreguliertes Nervensystem und funktionale Anpassung: Anders sieht es aus, wenn sichtbare Ruhe vor allem dadurch entsteht, weil Reaktionen zunehmend gehemmt werden und verschwinden. Das Pferd wirkt unkompliziert, pflegeleicht und „einverstanden“, zeigt dabei aber weniger Eigeninitiative, weniger Ausdruck und weniger Interesse an seiner Umwelt. Von außen sehen diese Pferde „maximal stabil“ aus. Doch wenn innere Freiheit und Teilnahme abnehmen, sollten wir uns fragen, ob wir tatsächlich Regulation, Sicherheit und Stabilität sehen – oder eine Form von Anpassung.

Ein wichtiger Unterschied: Regulation und Stabilität bedeuten nicht Reaktionslosigkeit

Gerade bei Pferden mit belastenden Erfahrungen ist dieser Unterschied entscheidend. Ein Pferd, das gelernt hat, dass seine Reaktionen keinen Einfluss auf die Situation haben, neigt stark dazu, auf Dauer immer weniger zu zeigen. Es muss dann nicht mehr offensichtlich kämpfen, fliehen oder „Nein“ sagen. Das bedeutet dann aber nicht, dass es sich sicher fühlt und stabilisiert. Auch eine reduzierte Reaktion ist eine Schutzfunktion.

Deshalb sollte es in der Pferdearbeit nicht darum gehen, ob und wie ruhig ein Pferd wird. Sondern um das Gesamtbild:

✦  Wird es gleichzeitig neugieriger und freier?
✦  Nimmt seine Eigeninitiative zu?
✦  Kann es wieder deutlicher Nähe und Distanz wählen?
✦  Wird sein Ausdruck vielfältiger?
✦  Kann es „Nein“ sagen, ohne dass Beziehung und Situation dadurch unsicher werden?
✦  Findet es nach Aufregung wieder selbstständig zurück?
✦  Wird es mit der Zeit weniger abhängig von menschlicher Steuerung und „Training“?
 

Wenn die Antworten zunehmend in Richtung mehr Freiheit, mehr Flexibilität und mehr Eigenständigkeit gehen, umso klarer wird: Wahre „Ruhe“ ist weit mehr als bloße Verhaltensanpassung.

Der Ansatz im Nervensystem

Eine traumasensible Pferdearbeit beginnt für mich deshalb nicht damit, einen bestimmten Zustand beim Pferd herzustellen bzw. herstellen zu wollen. Sie beginnt damit, Bedingungen zu schaffen, unter denen Sicherheit überhaupt wieder erlebt werden kann.

✦  Körper und Psyche gehören zusammen: Der Zustand des Nervensytems zeigt sich immer auch körperlich. Atmung, Muskeltonus, Bewegung, Blick, Haltung und Aktivität können sich verändern. Diese körperlichen Veränderungen sind wertvolle Hinweise – aber keine eindeutigen Beweise für einen bestimmten inneren Zustand. Ein tiefer Atemzug kann Entspannung bedeuten – er kann aber auch andere körperliche Ursachen haben.

Deshalb beobachte ich nicht einzelne „Entspannungssignale“, sondern Muster, Kontext und Veränderung über Zeit. In einer körperorientierten Begleitung ist sanfte Berührung für viele Pferde eine hilfreiche Erfahrung. Für andere ist zunächst Abstand die bessere Möglichkeit. Nicht die Technik entscheidet. Das Pferd entscheidet, ob und wie es die Begleitung als sicher erlebt.


✦  Den sicheren Rahmen vergrößern: Wenn ein Pferd den Menschen oder bestimmte Trainings-/Übungssituationen mit früherem Stress verbindet, kann eine direkte Konfrontation stark belastend oder retraumatisierend sein. Dann ist es sinnvoll, den Kontext zunächst aufzulösen und andere Sicherheitsanker einzubeziehen – beispielsweise vertraute Artgenossen, sichere Orte, bekannte Abläufe oder ausreichend Distanz. Das Ziel ist nicht, das Pferd von seinen Artgenossen „unabhängig“ zu machen oder zu verlangen, dass es in schwierigen Situationen „dadurch muss“. Das Ziel ist, seinen sicheren Radius so zu erweitern, dass neue Erfahrungen (mit dem Menschen) möglich werden, ohne erzwungene Konfrontationen und ohne vorhandene Sicherheitsanker unnötig wegzunehmen. Der Mensch darf dabei zunächst einfach ein verlässlicher Teil dieser Umgebung sein. Nicht als Kontrolleur. Nicht als Trainer, der gewünschte Zustände steuert. Sondern als berechenbarer Begleiter.

Für ein Pferd, das sich nicht zurücknehmen muss, um mit uns zusammenzuleben – sondern mehr von sich selbst zeigen kann.

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