Trauma, Schutzreaktionen & die Rolle des Parasympathikus
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Vorwärts durch Sicherheit statt rückwärts durch den Schutzreflex
Das Missverständnis vom bewussten Aktivieren von Schutzreaktionen
Vielleicht kennst du diese Momente aus dem Trainingsalltag: Ein Pferd, das lange Zeit in sich gekehrt, starr oder kaum ansprechbar wirkte, beginnt nach konsequentem Dranbleiben, sich zu bewegen oder plötzlich wieder stärker zu reagieren. Es läuft los, geht möglicherweise in den Widerstand, versucht sich zu entziehen – oder wird ruhig und folgsam in seinen Bewegungen, scheinbar zugänglicher und erfüllt (zögerlich), was gewünscht wird.
In vielen Trainingsansätzen werden solche Momente als Durchbruch verstanden: „Das System taut auf, der eingefrorene Zustand weicht Bewegung. Das Pferd beginnt wieder zu reagieren und kann sich mehr entspannen.“ Diese Erklärungen klingen zunächst schlüssig. Sie vermitteln die Vorstellung, dass ein festgefahrener Zustand zunächst aktiviert werden muss, damit anschließend Entspannung, Vertrauen, zuverlässigere Reaktion und Lerneffekt entstehen können.
Doch genau hier lohnt sich ein genauerer Blick. Denn die entscheidende Frage ist nicht allein, ob ein Pferd wieder reagiert.
Sondern: Warum reagiert es? Wer oder was hat die Reaktion ausgelöst? Und wie viel eigene Wahl und Mitbestimmung hatte das Pferd dabei?
Ein sichtbarer Wechsel des Verhaltens sagt zunächst nur etwas über das Verhalten aus. Er sagt noch nicht eindeutig, ob ein Pferd gerade mehr Sicherheit erlebt, einen anderen Bewältigungszustand erreicht hat oder lediglich auf eine zunehmende Belastung reagiert. Sehen wir diese Momente zweifellos als Erfolg und Fortschritt, laufen wir Gefahr, etwas zu übersehen: Den Unterschied zwischen echter Verarbeitung und einem reinen Wechsel der Überlebensstrategie unter anhaltendem Druck. Diese Differenzierung ist insbesondere dann wichtig, wenn wir mit Pferden arbeiten, die ohnehin bereits Erfahrungen von Angst, Überforderung oder Kontrollverlust mitbringen.
Nicht jede (Re-)Aktivierung ist ein Schritt in Richtung Heilung
Ein Pferd kann auf Belastung sehr unterschiedlich reagieren. Es kann fliehen, drohen, sich entziehen, erstarren, still werden, sich anpassen oder scheinbar unbeeindruckt weiterfunktionieren. Diese Reaktionen sind nicht automatisch krank oder traumatisch. Schutzreaktionen sind zunächst einmal ein Teil der normalen biologischen Ausstattung eines Lebewesens.
Problematisch wird es dort, wo ein Pferd (wiederholt) keine angemessene Möglichkeit mehr hat, mit einer belastenden Situation umzugehen. Wenn Fluchtwege fehlen, Stressanzeichen nicht berücksichtigt werden oder eine Anforderung trotz deutlicher Überforderung weiter aufrechterhalten wird, kann sich das sichtbare Verhalten verändern. Ein Pferd kann dann beispielsweise von aktiver Abwehr zu Stillhalten wechseln. Von außen sieht das nach weniger Widerstand aus. Für das Pferd muss es aber nicht unbedingt mehr Sicherheit und Vertrauen bedeuten.
✦ Die Illusion des „Auftauens“: Wenn ein Pferd aus einer Phase der Erstarrung oder starken Verhaltenshemmung heraus wieder deutlicher reagiert, kann das vieles bedeuten. Vielleicht fühlt es sich sicherer und kann wieder mehr wahrnehmen. Vielleicht wird eine bisher unterdrückte Reaktion wieder sichtbar. Vielleicht steigt die Aktivierung aber auch deshalb an, weil die Belastung weiter besteht und das bisherige Bewältigungsmuster nicht mehr ausreicht. Ohne weitere Informationen können wir das nicht sicher voneinander unterscheiden. Deshalb möchte ich einen verbreiteten Gedanken verändern:
✦ Kampf und Flucht sind keine notwendigen Heilungsphasen. Ein Pferd muss nicht erst stärker reagieren, damit es anschließend sicher und ruhiger werden kann. Der Weg aus einem belastenden Zustand muss nicht rückwärts durch Schutzreaktionen führen. Er kann auch vorwärts über neue Erfahrungen von Sicherheit, Wahlmöglichkeit und Selbstwirksamkeit entstehen.
Der entscheidende Unterschied: Selbstbestimmung
Für mich liegt hier eine der wichtigsten Unterschiede zwischen Traumaarbeit und Verhaltensarbeit. Wird Verhalten durch Trauma ausgelöst, kommt reine Verhaltensarbeit, in der Verhalten verändert, neu geübt oder mit positven Verknüpfungen (zum Beispiel Arbeit mit Belohnung/Leckerli) oberflächlich neu besetzt werden soll, früher oder später an die Grenzen. Nicht allein die sichtbare Reaktion des Pferdes entscheidet darüber, ob ein Prozess hilfreich ist. Sondern unter anderem die führende Frage:
Hat das Pferd Einfluss darauf, was als Nächstes geschieht?
Wenn ein Pferd eine Situation verlassen, Abstand herstellen oder eine Pause einfordern darf und erlebt, dass das Zeigen dieser Bedürfnisse tatsächlich etwas bewirken, kann es neue Erfahrungen von Selbstwirksamkeit sammeln.
Wird dagegen eine Reaktion von außen so lange provoziert oder aufrechterhalten, bis das Pferd schließlich nachgibt, entsteht zwar möglicherweise das gewünschte Verhalten. Ob dabei aber auch mehr Sicherheit entstanden ist, bleibt eine andere Frage. In einem integrativen Prozess entscheidet das Pferd selbst, wann es sich sicher genug fühlt, um Angst abzubauen und die Erstarrung zu verlassen.
Das ist keine moralische Bewertung von Trainingsansätzen. Es ist eine Frage der inneren Logik des Lernens:
Was lernt das Pferd über seine eigene Handlungsmöglichkeit?
Lernt es: „Meine Signale werden wahrgenommen. Ich kann Einfluss nehmen. Ich darf auch Abstand herstellen.“
Oder lernt es: „Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Ich muss Strategien finden, um diese Situation(en) auszuhalten.“
Beide „Lernergebnisse“ können von außen im Verhalten ähnlich aussehen. Das gezeigte Verhalten allein reicht nicht aus, um Rückschlüsse darauf zu ziehen, was und wie das Pferd gelernt hat.
Vermeidung ist nicht automatisch ein Problem
Ein Pferd, das beispielsweise einen Trainingsplatz nicht betreten möchte, Abstand zum Menschen hält oder versucht, einer bestimmten Situation zu entkommen, wird schnell als schwierig, unwillig oder „wieder rückfällig“ betrachtet – manchmal wird dieses Verhalten auch als Entwicklungsfortschritt gewertet, wenn das Pferd zuvor wie „leblos“ mitgekommen ist und nun wieder „wacher“ wird.
Doch Vermeidung ist eine völlig sinnvolle Reaktion auf eine als belastend erlebte Situation. Wenn ein Pferd einen Ort, eine Person, eine Übungssituation oder Trainingsabläufe wiederholt mit unangenehmen Erfahrungen verbindet, ist es nicht überraschend, wenn es versucht, diesen Kontext zu vermeiden. Würde das Pferd die Situationen sicher und positiv erleben, gäbe es für sein Nervensystem keinen Grund, wertvolle Energie aufzuwenden, um sich davor zu schützen.
Das bedeutet nicht, dass jede Vermeidung unterstützt und niemals hinterfragt werden sollte. Aber es bedeutet: Vermeidungsverhalten ist eine wichtige Information. Es kann uns etwas darüber erzählen, wie das Pferd die Situation erlebt bzw. was vorangegangene vergleichbare Situationen für das Pferd bedeutet haben.
Wenn wir Vermeidung ausschließlich als Verhalten betrachten, das verschwinden oder überwunden werden muss, verlieren wir genau die Information, die uns helfen kann, die Situation für das Pferd sicherer zu gestalten.
Schutzreaktionen sind nicht automatisch Trauma
Ein Schutzreflex an sich – Erschrecken, wachsames Sichern, Fluchtversuch, Selbstverteidigung – ist die gesündeste Überlebensausstattung, die die Natur einem Fluchttier je mitgegeben hat. Diese Verhaltensweisen sind nicht automatisch Hinweise auf ein tieferliegendes Trauma. Abstand herstellen, drohen, sich entziehen oder angespannt auf eine mögliche Gefahr zu reagieren sind zunächst normale Schutzreaktionen.
Ein flexibles Nervensystem darf reagieren. Es darf sich aktivieren. Es darf kurz aus dem Gleichgewicht geraten. Und es darf anschließend wieder in einen stabileren Zustand zurückfinden. Traumatische Belastungen entstehen nicht einfach dadurch, dass ein Lebewesen einmal Angst erlebt oder eine Schutzreaktion zeigt. Entscheidend sind unter anderem die Intensität und Dauer der Belastung, die individuellen Voraussetzungen, die Möglichkeit zur Bewältigung und die Erfahrungen, die darauf folgen.
Deshalb pathologisiere ich nicht jede (aus unserer menschlichen Sicht) starke Reaktion eines Pferdes. Ein Pferd, das sich schützt, ist nicht sofort ein Pferd, das „repariert“ werden muss. Meistens ist eine Schutzreaktion die sehr gesunde Information: Hier ist gerade etwas zu viel.
Die Rolle des Parasympathikus: Entspannung ist nicht einfach ein Schalter
Rund um das autonome Nervensystem begegnen uns in der Pferdewelt viele vereinfachte Erklärungen. Dazu zählt unter anderem, dass der Sympathikus gerne als „Stressnerv“ und der Parasympathikus als „Entspannungsnerv“ dargestellt werden. Dadurch entsteht leicht die Vorstellung eines einfachen Schalters:
Stress an = Sympathikus
Stress aus = Parasympathikus
Die tatsächliche Regulation des vegetativen Nervensystems ist jedoch deutlich komplexer. Der Parasympathikus ist nicht einfach das biologische Gegenstück zu Angst und Stress. Autonome Regulation entsteht aus dem Zusammenspiel verschiedener Systeme und hängt immer vom jeweiligen Zustand und Kontext ab. Unter anderem auch deshalb lässt sich aus einem einzelnen sichtbaren Entspannungszeichen nicht zuverlässig ablesen, was im Inneren eines Pferdes gerade geschieht.
✦ Lecken, Kauen, Gähnen, Schnauben: Was bedeuten diese Reaktionen wirklich?
Lecken, Kauen, Gähnen, Schnauben, Kopfsenken oder eine veränderte Atemtiefe können wichtige Beobachtungen sein. Aber sie sind keine eindeutigen Beweise dafür, dass das Pferd jetzt verarbeitet, entspannt oder das Nervensystem sich reguliert. Ein Pferd kann nach einer belastenden Situation sichtbar entspannen. Es kann erleichtert sein, es kann tatsächlich Angst verlieren, es kann auch rein physiologisch auf einen Zustandswechsel reagieren und Spannung abbauen. Es kann aber auch aus ganz anderen Gründen kauen, gähnen oder den Kopf senken.
Wenn das System von akuter, sympathischer Anspannung (Stress/Bedrohung) in eine plötzliche Entlastung wechselt, ist das zunächst ein rein biologischer Vorgang. Ein solcher Spannungsabfall nach Druck ist auch nicht automatisch gleichzusetzen mit einer gesunden und nachhaltigen Aktivierung des Parasympathikus im Sinne von tiefer Ruhe, Selbstregulation und Sicherheit. Er kann ebenso eine reine Stressbewältigung des Körpers nach überstandenem Alarm sein und einen Erleichterungsreflex bedeuten – eine biologische Reaktion, die von außen wie deutlicher Spannungsabbau und zunehmende Gelassenheit wirkt, während das System des Pferdes innerlich noch unter Hochspannung steht.
Deshalb halte ich es für besoners wichtig, nicht einzelnen Signalen feste Bedeutungen zuzuschreiben. Eine Reaktion oder ein Signal sind eine Beobachtung. Ihre Bedeutungen entstehen erst im Zusammenhang: Wie war die Situation davor? Wie verändert sich die gesamte Körpersprache? Bleibt das Pferd ansprechbar? Wird oder bleibt es neugierig? Kann es Abstand herstellen? Verändert sich seine Ausdrucksvielfalt über längere Zeit? Und vor allem:
Wird sein Handlungsspielraum größer oder kleiner?
Das sind für mich wesentlich wichtigere Fragen als die Suche nach einem einzelnen „Entspannungsmerkmal“.
✦ Wenn Erleichterung wie Entspannung aussieht
Ein besonders wichtiger Unterschied liegt zwischen Sicherheit und Erleichterung. Nehmen wir das Beispiel, eine unangenehme Anforderung wird immer dann beendet, wenn das Pferd eine bestimmte Reaktion zeigt: Das Pferd erlebt also zunächst Anspannung. Je nach Trainingssituation folgt dann die gewünschte Reaktion. Danach verschwindet der Druck.
Natürlich kann dieser Moment für das Pferd als Erleichterung erlebt werden. Und natürlich kann das Pferd daraus lernen und beim nächsten Mal das gewünschte Verhalten schneller zeigen. Doch was daraus nicht automatisch folgt ist, dass das Pferd gelernt hat, dass die Situation sicher und vertrauenswürdig ist. Es kann genauso gut lernen, dass es erst dieses oder jenes Verhalten zeigen muss, damit die unangenehme Situation endet – und es kann versuchen, immer schneller dorthin zu kommen, wo es die Erleichterung findet und dem Druck entkommen kann. Was also möchten wir dem Pferd eigentlich beibringen? Dass Situationen sicher und vertrauenswürdig sind – oder was es tun muss, um immer schneller Belohnung und Erleichterung zu erreichen?
Das ist ein völlig anderer Lerninhalt; mit ausschlaggebenden Auswirkungen auf den Stressmodus des Pferdes.
Im Kern geht es hier um das Prinzip von Verstärkung. Negative oder positive Verstärkung kann Verhalten sehr zuverlässig aufbauen. Genau darin liegt ihre Wirksamkeit. Sie kann aber gleichzeitig mit Stress oder Angst verbunden sein, wenn der eingesetzte Reiz für das Pferd belastend ist – sei es allein dadurch, dass die Verstärkung aus Perspektive des Pferdes als intermittierend (unregelmäßig) erlebt wird. In der modernen Verhaltens- und Reitwissenschaft wird deshalb zunehmend zwischen der reinen Verhaltenswirksamkeit und dem tatsächlichen Wohlergehen des Pferdes während des Lernprozesses unterschieden.
Das bedeutet nicht, dass jede Form von positiver oder negativer Verstärkung automatisch problematisch ist. Es bedeutet: Dass ein Pferd etwas zuverlässig tut, beantwortet noch nicht die Frage, wie es ihm dabei geht.
Das Missverständnis mit der Konfrontation
Häufig werden konfrontative Trainingsansätze mit therapeutischer Konfrontation im Humanbereich verglichen. Dieser Vergleich braucht große Vorsicht. Konfrontationstherapie (Expositionstherapie) ist kein simples „Aushalten müssen“. In gut etablierten psychotherapeutischen Verfahren spielen unter anderem eine stabile therapeutische Beziehung, Sicherheit, eine angemessene Dosierung und vor allem die aktive Beteiligung und Mitbestimmung der betroffenen Person zentrale Rollen.
Ein Pferd kann einer solchen menschlichen Einwilligungs- und Kommunikationsstruktur nicht einfach gleichgestellt werden. Deshalb halte ich es für problematisch, aus dem bloßen Prinzip „Das Pferd bleibt in der Situation, bis es merkt, dass nichts passiert“ eine therapeutische Parallele abzuleiten. Wenn ein Pferd keine ausreichende Möglichkeit hat, Abstand zur erlebten Gefahr oder Überforderung herzustellen und die Intensität einer Situation zu beeinflussen, kann ein scheinbares „Aushalten“ auch eine Anpassungsreaktion sein – und in ein chronisches Trauma führen.
Deshalb wünsche ich mir einen gravierenden Perspektivwechsel in der Pferdearbeit unter der Frage:
Was können wir immer mehr dafür tun, damit ein Pferd sich so sicher fühlen kann, damit es nichts mehr „aushalten“ muss?
Wenn Ruhe funktional wird
Ein Pferd, das stillsteht, nicht mehr ausweicht und scheinbar alles mitmacht ist für uns Menschen sehr angenehm. Doch genau deshalb kann es schwierig sein, funktionale Anpassung zu erkennen. Denn weniger sichtbarer Widerstand bedeutet nicht automatisch weniger Belastung. Auch die gegenteilige Schlussfolgerung wäre allerdings zu einfach: Ein ruhiges Pferd ist nicht automatisch ein Pferd in funktionaler Anpassung oder chronischem Trauma. Wir können den inneren Zustand eines Pferdes nicht allein anhand eines einzelnen, offensichtlichen Verhaltens sicher diagnostizieren.
Was deshalb zählt ist die Entwicklung über Zeit: Wird das Pferd lebendiger, neugieriger, freier? Zeigt es unterschiedliche Reaktionen auf unterschiedliche Situationen? Kann es Nähe suchen und wieder Distanz herstellen? Kann es sich erschrecken und anschließend selbstständig wieder orientieren? Kann es „Nein“ sagen, ohne dass dadurch die Beziehung gefährdet wird? Bleibt es in Kontakt mit seiner Umwelt? Oder wird sein Verhalten zunehmend enger, vorhersehbarer und ausdrucksärmer?
Beobachtbare Veränderungen der Verhaltensvielfalt können wesentlich aufschlussreicher sein als die reine Frage, ob ein Pferd „brav“, „zuverlässig“ und „händelbar“ geworden ist.
Drei Dinge, die wir auseinanderhalten sollten
Vielleicht hilft dafür eine einfache Unterscheidung:
✦ Integration: Das Pferd findet innerhalb eines sicheren Rahmens wieder zu einem stabileren Zustand, Ruhe entsteht aus bereits vorhandener Sicherheit. Das Pferd bleibt dabei im Kontakt mit der Umwelt, bleibt ansprechbar, flexibel und handlungsfähig.
✦ Erleichterung: Eine Belastung endet und das Pferd zeigt anschließend sichtbare oder physiologische Veränderungen. Das kann erfreulich, erwünscht und angenehm sein – sagt allein aber noch nichts darüber aus, ob die vorherige Situation für das Pferd hilfreich oder sicher war.
✦ Anpassung: Das Pferd verändert sein Verhalten, weil es gelernt hat, wie es mit den gegebenen Bedingungen zurechtkommt. Diese Anpassung kann funktional sein, ohne dass dadurch automatisch mehr innere Sicherheit entstanden ist.
Diese drei Prozesse können sich im Außen stark ähneln. Deshalb geht es für mich nicht darum, das Nervensystem eines Pferdes anhand von Verhalten und Reaktionen zu „lesen“. Sondern darum, den gesamten Kontext zu betrachten.
Ein anderer Weg: Vorwärts durch erlebte Sicherheit
Wenn wir nicht versuchen wollen, Schutzreaktionen bewusst hervorzurufen, um anschließend Entspannung zu erzeugen – was tun wir dann? Wir beginnen dort, wo Sicherheit möglich ist. Wir achten auf den individuellen Sicherheitsbereich des Pferdes. Wir gestalten Situationen so, dass das Pferd nicht erst überfordert sein muss, bevor es wieder Erleichterung erlebt. Wir geben Raum für Abstand. Wir respektieren Unterbrechungen. Wir machen Situationen vorhersehbarer. Wir reduzieren unnötige Belastung. Wir bleiben unter der Schwelle, an der Schutzreflexe anspringen. Und wir ermöglichen dem Pferd, selbst Einfluss auf das Geschehen zu nehmen – und geben ihm die Kontrolle und seine Autonomie zurück.
Das bedeutet nicht, dass ein Pferd niemals Angst haben darf. Sicherheit bedeutet nicht, dass das Leben reizfrei wird. Ein lebendiges Pferd darf erschrecken. Es darf zögern. Es darf neugierig sein. Es darf eine Grenze haben. Und es darf sich wieder annähern. Das Ziel ist nicht, Schutzreaktionen auszuschalten. Das Ziel ist, dass ein Pferd seine Schutzreaktionen nicht ständig braucht, um mit uns zurechtzukommen.
✦ Das Toleranzfenster erweitern – nicht den Widerstand überwinden
Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Wir müssen das Pferd nicht immer weiter in Richtung Überforderung und „Herausforderung“ schieben, um sein „Sicherheitsgefühl“ und seine Stressresistenz zu erweitern. Wir können Sicherheit so erfahrbar machen, dass das Pferd aus dieser Sicherheit heraus freiwillig neue Schritte wagt. Manchmal ist das nur ein winziger Schritt. Ein längerer Blick. Ein freiwilliges Annähern. Ein Moment mehr in einer ungewohnten Situation. Ein selbst gewähltes Wiederentfernen. Ein erneutes Zurückkommen. Solche kleinen Veränderungen wirken von außen vielleicht unspektakulär. Für ein Pferd können sie jedoch bedeutsamer sein als eine spektakuläre Trainingseinheit, in der es gelernt hat, eine große Belastung auszuhalten.
Denn Toleranz ist nicht dasselbe wie Sicherheit.
Und Funktionieren ist nicht dasselbe wie Stabilität.
Am Ende entscheidet eine einzige Leitlinie über die Qualität unserer Arbeit: Es geht nicht darum, wie viel ein Pferd aushält, um funktional stabil zu sein. Sondern wie wenig es aushalten muss, um innerlich stabil werden zu können.
