Traumainformiertes Verständnis:
Sicherheit, Erleben & Regulation
Nicht alles, was sichtbar wird, beginnt im gegenwärtigen Moment
In der Pferdewelt wird Verhalten oft schnell kategorisiert: Kooperation oder Widerstand, Entspannung oder Stress, Trainingserfolg oder Trainingsproblem. Doch Verhalten entsteht nie im luftleeren Raum. Und nicht alles, was wir sehen, entsteht aus dem, was gerade passiert.
Wenn ein Pferd eine Situation betritt, bringt es seine bisherigen Erfahrungen, seine Lerngeschichte, seine Persönlichkeit und seine individuelle Art, die Welt wahrzunehmen und auf sie zu reagieren, mit. Es nimmt dabei uns Menschen wahr, es nimmt die Situation wahr, im besten Fall auch die Umgebung. Seine Gegenwart wird maßgeblich durch körperliche Zustände, Erinnerungen und Erwartungen geprägt. Es reagiert nie isoliert auf das, was im Hier und Jetzt passiert.
Doch auf welche Aspekte von uns – und auf welche Elemente in der Umgebung reagiert es?
Mit welchen Teilen von sich selbst, von uns und aus der Umwelt steht es dabei in Verbindung?
Fragen, die in der Arbeit mit Pferden oft nicht gefragt werden.
Deshalb frage ich nicht: „Warum macht das Pferd das und wie kann ich es verändern?“
Sondern: „Was macht diese Reaktion für das Pferd in diesem Moment sinnvoll oder sogar überlebensnotwendig?“
Was traumainformiertes Arbeiten für mich bedeutet
Der Begriff „Trauma“ wird heute inflationär verwendet.
Doch nicht jede belastende Erfahrung hinterlässt ein Trauma; und nicht jede Reaktion lässt sich auf Vergangenes zurückführen.
Traumasensibel zu arbeiten bedeutet für mich, bewusst mitzudenken, dass prägende Erlebnisse Spuren im System hinterlassen können – und diesen Erfahrungen, oft Mustern, mit größter Sorgfalt und Fürsorge zu begegnen. In der Praxis bedeutet das:
◈ Das Toleranzfenster wahren: Ich arbeite innerhalb des Wohlfühl- und Sicherheitsbereichs deines Pferdes. Überforderung wird strikt vermieden.
◈ Frei von Bewertung: Verhalten wird nicht in „gut“ oder „schlecht“, „darf“ oder „darf nicht“ eingeteilt, sondern als Zustand des Nervensystems begriffen.
◈ Sicherheit durch Vorhersehbarkeit und Verlässlichkeit: Dein Pferd lernt, dass keine unvorhergesehenen Übergriffe, Stress- und Druckmomente drohen.
◈ Echte Mitbestimmung: Dein Pferd bekommt maximalen Raum für eigene Entscheidungen, Ausdruck und Handlungsfähigkeit.
Es geht nicht darum, ein „unerwünschtes“ Verhalten wegzutrainieren. Es geht darum, die Bedingungen so zu verändern, dass das Nervensystem deines Pferdes wieder Sicherheit findet, um neue, heilsame Erfahrungen zu erleben. Denn damit Lernen und positive neue Erfahrungen überhaupt stattfinden können, muss das Gehirn des Pferdes von „Überleben“ zu „Entdecken“ finden.
Ernst nehmen ohne Analyse-Druck
Häufig begegne ich Menschen, die ihr Pferd perfekt verstehen möchten. Viele haben Angst, etwas zu übersehen oder Fehler zu machen. Der Wunsch, das Pferd fehlerfrei zu lesen und die „richtige Methode“ zu finden ist groß – und erzeugt gleichzeitig enormen Druck.
Meine Arbeit verfolgt keinen Anspruch auf vollständige Erklärbarkeit. Nicht alles muss bis ins letzte Detail analysiert werden, nicht jede Reaktion lässt sich eindeutig zuordnen – muss sie auch nicht, und nicht alles muss verstanden werden. Vieles verändert sich allein dadurch, wenn wir aufhören, gegen Symptome anzukämpfen.
Verhalten verdient Aufmerksamkeit und Rücksichtnahme – auch dann, wenn seine Ursache im Verborgenen bleibt. Umgang und Veränderung können auch dann gefunden werden, wenn wir keine Erklärung haben.
Worum es letztlich geht
◉ Überlebensstrategien würdigen: Kein Unterdrücken oder Überschreiben von Schutzmechanismen –
sondern die Bedingungen verändern, unter denen sie entstehen
◉ Freiwilligkeit statt Anpassung: Nicht besseres Mitmachen und optimiertes Funktionieren trainieren – sondern Sicherheit,
Mitsprache und Ausdrucksvielfalt ermöglichen
◉ Druck rausnehmen: Weniger eingreifen und korrigieren – und stattdessen beobachten, was an echtem Wesen sichtbar wird,
wenn Training und Erwartungen aufhören
◉ Ganzheitliche Stabilisierung: Keine antrainierten, künstlich herbeigeführten Ruhezustände – sondern eine tief im Gewebe und Nervensystem intgrierte Regulation unterstützen
◉ Freie Pferde: Kein möglichst angepasstes, zuverlässiges Pferd – sondern ein Pferd, das sich sicher und frei in all seinen Facetten zeigen darf.
Nicht jedes Pferd braucht Traumaarbeit oder therapeutische Begleitung. Viele Pferde profitieren schon davon, wenn ihr Verhalten in einem größeren Zusammenhang begriffen wird und sie mehr Sicherheit, Handlungsfähigkeit und wieder mehr Raum für ihr natürliches Verhalten bekommen.
